
3. Zum Ort Lohmen, dem Schauplatz und Bezugspunkt der Kunstkur
4. Das Forschungsprojekt Verbundprojekt
KunstKur:
Transferprojekt zur wechselseitigen Bedürfnisbefriedigung zwischen Lohmen und der Kunstwelt KünstlerInnen verwirklichen Projekte, die Lohmen gewidmet sind und erhalten im Gegenzug die Möglichkeit zur Regeneration ihrer Kräfte.
Künstler und Künstlerinnen kommen für eine bestimmte Zeit nach Lohmen, um dort zu leben und zu arbeiten. Sie realisieren in dieser Zeit ein Projekt, welches umittelbar in einen oder mehrere Kontexte des Ortes greift, z.B.
Gesundheit und Wellness
Rehabilitation
Tourismus
Internationalität
Musealisierung
Dorfgemeinschaft
Natur, Idylle
Selbstorganisation
Ressourcenmanagement
andere Themen, die die KünstlerInnen selbst durch ihre Erfahrungen vor Ort herausarbeiten.
Die Projekte können ganz unterschiedliche Formate und eine unterschiedliche Dauer haben. Denkbar sind Formen, die Akteure vor Ort (Kurgäste, Ortsbewohner, Tagesausflügler, Leute aus dem betreuten Wohnen und aus dem Pflegeheim, Schüler usw.) in den künstlerische Prozeß miteinbeziehen.
Andere Projekte können direkt an eine bereits bestehende Idee (z.B. Kreuzung Museumsstraße/Blumenstraße, Ausbau und Nutzung des Speicherhauses) anknüpfen oder neue Ideen zur Entwicklung der Lohmener Infrastruktur entwerfen.
Genauso ist es auch denkbar, daß während einer Projektphase ein Kunstwerk entsteht, das für eine bestimmte Zeit zu besuchen und zu besichtigen ist.
Der Einbezug regionaler KünstlerInnen ist im Verlauf des Projektes geplant.
Im Gegenzug können die Künstler die Zeit in Lohmen zur Regeneration ihrer geistigen und körperlichen Kräfte wahrnehmen.
2. Kurzbeschreibung
Aufgrund des Einfallsreichtums und der Selbstorganisation der 1000 EinwohnerInnen - Gemeinde Lohmen ist das Dorf in Mecklenburg-Vorpommern die Ausnahme von der Regel geworden. Mit Projekten zur Integration von wirtschaftlicher Rentabilität und sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, mit stabilen 6 % Arbeitslosigkeit, Jugendlichen, die Ausbildungsplätze vor Ort erhalten und keinen Skinheads hat der ehemalige LPG Standort Modellcharakter. Deshalb ist Lohmen einer von sechs Verbundpartnern in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt "Humanressourcen als Engpassfaktor für die Entwicklung von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Zum Transfer von Erfahrung und Wissen vernetzen sich darin deutschlandweit sechs heterogene Betriebe und Regionen, deren Gemeinsamkeit der kreative und ungewöhnliche Umgang mit ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation ist. Das Forschungs- und Beratungsunternehmen GfAH (Gesellschaft für Arbeitsschutz und Humanisierungsforschung) in Dortmund begleitet das Projekt koordinierend und wissenschaftlich. Ziel der Gemeinde Lohmen innerhalb des Projektes ist die Entwicklung zum Gesundheitsdorf.
Das Projekt KunstKur - Transferprojekt zur wechselseitigen Bedürfnisbefriedigung zwischen Lohmen und der Kunstwelt entstand im Rahmen dieses Forschungsprojekts. Für zwei Jahre kommen KünstlerInnen nach Lohmen und verwirklichen dort Projekte, die dem Ort gewidmet sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Kooperationsprojekten, die Akteure vor Ort in die Künstlerische Arbeit miteinbeziehen. Im Gegenzug erhalten die KünsterInnen die Möglichkeit, das Kurangebot der Lohmener Reha-Klinik zu nutzen und sich körperlich und geistig zu regenerieren.
Seit etwa zehn Jahren gibt es zunehmend Künstler und Künstlerinnen, die mit Rückbezug auf Projekte aus den sechziger und siebziger Jahren - ihre Arbeit aus den Ateliers heraus in gesellschaftliche und soziale Kontexte verlegen. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus kunstfremden Bereichen, Themen wie Dienstleistung, Produktionsbedingungen, Selbstorganisation oder Ressourcenmanagement sind ebenso wie das Forschen an Begriffen wie Identität oder Arbeit, Peripherie und Zentrum Bestandteile künstlerischer Auseinandersetzung geworden. Je größer das künstlerische Interesse an konkreten Interventionen in soziale Strukturen wird, desto mehr wächst die Zahl der Projekte, die jenseits der Kulturmetropolen in kleinen Städten und Gemeinden verwirklicht werden.
Der Ort Lohmen in Mecklenburg-Vorpommern ist für die beschriebene künstlerische Praxis von besonderem Interesse, weil sich die Gemeinde bei der Verbesserung der lokalen Strukturen durch einen hohen Grad an Selbstorganisation, Einfallsreichtum und einen kreativen und nachhaltigen Umgang mit den eigenen Ressourcen auszeichnet. Umgekehrt ist es für Lohmen interessant, sich auf die experimentellen Formen der Zusammenarbeit mit Künstlern einzulassen, um die Wirkungsweisen und Grenzen von künstlerischen Interventionen innerhalb der eigenen Struktur auszuloten und die eigenen Handlungsmöglichkeiten durch die Auseinandersetzung mit Kunst zu erweitern.
3. Zum Ort Lohmen, dem Schauplatz und Bezugspunkt von KunstKur
Lohmen liegt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, etwa 20 km unterhalb von Güstrow. Es hat ca. 1000 EinwohnerInnen und liegt zwischen zwei Seen mit höchster Wasserqualität, wovon einer professionell befischt und der andere als Bade- und Erholungssee für den anliegenden Campingplatz genutzt wird.
Vor dem Fall der Mauer war in Lohmen eine große LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) der größte Arbeitgeber im Ort. Nach der Wiedervereinigung wurde die LPG geschlossen und das ganze Dorf war arbeitslos, so wie viele andere Dörfer der Region bis heute.
Durch ein selbstorganisiertes System von Umverteilung und Einfallsreichtum in der Entwicklung seiner Strukturen hat Lohmen seine Arbeitslosigkeit auf 3% gedrückt und bewahrt 0% Jugendarbeitslosigkeit.
Beispiele für diesen Einfallsreichtum:
- von einer Partnergemeinde in Schleswig-Holstein wurde eine Anlage für betreutes Wohnen im Alter übernommen und kostengünstig nachgebaut. Die TierpflegerInnen der ehemaligen LPG wurden zu AltenpflegerInnen umgeschult.
-Am Garder See wurde eine Rehaklinik (mit Psychsomatik und Onkologie-Nachsorge) mit intergriertem Kurhotel errichtet. Nachdem die Klinik zuerst (durch die neuen Regeln der Gesundheitsreform) schlecht ausgelastet war, ist der Bürgermeister des Ortes persönlich zu den Ersatzkassen im Land gereist und hat spezielle Verträge ausgehandelt. So kommen z.B. Bundeswehrsoldaten, die in Bosnien waren, zur psychischen Regeneration nach Lohmen. Ein anderer wichtiger Partner ist Schweden, von wo mehr und mehr Kurgäste kommen. Schweden ist durch die Fährverbindungen nach Rostock nur ca. vier Stunden von Lohmen entfernt.
-die Aktion Barrierefreies Lohmen. Zwei Leute haben für ein Jahr die Aufgabe, jede für RollstuhlfahrerInnen lästige Barriere zu topografieren. In der Folge werden alle diese Hindernisse zurückgebaut, um ungehinderte Bewegungsfreiheit zu garantieren.
-der Eurocup der Elektrorollstuhl Hockey Meisterschaften findet in Lohmen statt.
-Lohmen pflegt bisher 40 Kinderpatenschaften in Moabi, Gabun. Es gibt regelmäßige, wechselseitige Besuche.
-Ein Labyrinth aus Wildrosen wurde angelegt, in dem jeder Gast eine Rose pflanzen kann
-Weil Lohmen keine elektrifizierte Straßenbeleuchtung hatte, lud der Bürgermeister Laternenfirmen ein, Lohmen als Demonstrationsort zu benutzen. So standen mehrere Jahre lauter verschiedene Straßenlaternen in Lohmen.
-Eine noch nicht realisierte Idee besteht darin, sämtliche BürgerInnen, die an die Bundesstraße angrenzende Grundstücke besitzen, dazu zu überreden, den an die Straße grenzenden Meter nach einem bestimmten Farb-und Blühzeitenschema mit Blumen zu bepflanzen, so daß man von einem Blumenmuster begleitet nach Lohmen fährt.
Aufgrund prähistorischer Funde wird zur Zeit ein altes Speicherhaus in ein Archäologiemuseum umfunktioniert, ein archäologischer Lehrpfad wird angelegt.
Eine andere große Scheune birgt ein Feuerwehrmuseum.
Lohmen hat sich zum Ziel gesetzt, sich als Gesundheitsdorf touristisch zu entwickeln. Ein konkretes Ziel ist, die Rehaklinik, deren Investoren im Westen sind, zu entschulden.
4. Das Forschungsprojekt Verbundprojekt:
Humanressourcen als Engpassfaktor für die Entwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen
Initiator ist ein 1979 gegründetes privatwirtschaftliches Forschungs- und Beratungsunternehmen in Dortmund, die GfAH mbH (Gesellschaft für Arbeitsschutz und Humanisierungsforschung). Gründer der GfAH ist der Soziologe Dr. Volker Volkholz.
Lohmen, der Ort, in dem die KunstKur stattfinden wird, ist Teil dieses Forschungsprojektes, das bis 2003 gefördert und bis 2005 ungefördert läuft und aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wird. In diesem Projekt geht es darum, Strategien von Wirtschaftsförderung für Kleinstunternehmen und Mikroregionen zu entwickeln, die wachstumsorientiert sind bei gleichzeitiger ökologischer Nachhaltigkeit, Nutzung und Erweiterung der Wissenspotentiale, sowie Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen speziell für benachteiligte ArbeitnehmerInnengruppen. Zusammenfassend, eine Art der Wirtschaftsförderung, die sich quer zu den gängigen Strategien von Unternehmensentwicklung begreift. Die Spezifik von kleinen Unternehmen und deren Handlungslogik ist dabei die Grundlage: Es werden Maßnahmen zum Ausbau von benötigtem Wissen entwickelt, um die Zukunftsfähigkeit der Betriebe zu erhöhen und darüber Beschäftigung für unterschiedliche Arbeitnehmergruppen zu schaffen. Die Gesamtsteuerung erfolgt über Zielvereinbarungen. Ausgehend von Impulsgebern und Kooperationspartnern werden in sechs Verbünden mikroregionale und firmenindividuelle Ansätze sowie ein überregionales Netzwerk spezifische Lösungsansätze entwickelt.
Zu diesem Zweck setzen sich in dem Projekt sechs Unternehmen/Mikroregionen regelmäßig an einen Tisch, um ihre Erfahrungen miteinander auszutauschen und unter Begleitung der GfAH (Verbundkoordination) bestimmte selbstgesetzte Ziele zu erreichen und das eigene Vorgehen zu methodologisieren.
Diese einzelnen sogenannten Impulsgeber sind sehr unterschiedlich.
Alle haben sich jedoch im Vorfeld durch ein ungewöhnliches und einfallsreiches Vorgehen bei ihrer jeweiligen Entwicklung ausgezeichnet. Gemeinsam ist den Akteuren ihr soziales Engagement und ihr Interesse an einer verantwortungsbewußten Weiterentwicklung ihrer jeweiligen unternehmerischen Situation. Diese
Gemeinsamkeiten gaben den Ausschlag für die Einladung, an dem Projekt, das auch mit einer Förderung der einzelnen Unternehmen / Mikroregionen verbunden ist, teilzunehmen.
5. Hintergründe und Perspektiven der KunstKur
Das Projekt KunstKur ist an ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geknüpft, in dem es um Forschung am Arbeitsbegriff und um alternative Strategien einer ökologisch und arbeitspolitisch nachhaltigen Wirtschaftsförderung geht. Dadurch verortet sich die KunstKur in einem Rahmen, der auch die Entwicklung neuer Arbeitsfelder bzw. die Erweiterung bisheriger Arbeitsfelder für Künstler und Künstlerinnen in den Blick rückt.
Zur Zeit beginnen die Planungen für ein Nachfolgeprojekt, das den Schwerpunkt noch stärker auf die Frage legt, ob über künstlerische Interventionen andere, informelle Formen des Lernens möglich sind, wobei sich das Lernen auf beide Seiten KünstlerInnen und Leute vor Ort - bezieht.
Durch die Umwandlung der LPG, die allen EinwohnerInnen Lohmens in der DDR eine sichere Existenz bot, verändern sich das Verständnis von und der Umgang mit Arbeit in dem Ort zwangsläufig und permanent. Trotz der Ausnahmeerscheinung, daß die Arbeitslosigkeit gering ist (Nachbardörfer haben 30 70 % Arbeitslosigkeit), sind auch in Lohmen viele Arbeitsverhältnisse prekär oder zumindest nur für kurze Zeit gesichert.
Das soziale Engagement in der Dorfgemeinschaft das Ehrenamt und die vielen spezifischen Fähigkeiten von einzelnen BürgerInnen des Ortes, die nach der Logik des neoliberalen Marktes nicht ökonomisch verwertbar sind, bekommen durch die freigesetzte Zeit ein großes Gewicht bei der Gestaltung des Alltags im Dorf.
Eine Folge davon ist, daß mehr in Projekten gedacht werden kann, was die Leute in Lohmen mit den eingeladenen KünstlerInnen verbindet und eine gemeinsame Verständigungs- und Austatuschperspektive bietet.
Ich betrachte die KunstKur in Lohmen als experimentelle künstlerische Anordnung.
Durch den Einbezug anderer in die künstlerischen Prozesse ereignet sich im besten Fall ein gegenseitiger Transfer von Wissen und Können und auf beiden Seiten kann ein Mehrwert entstehen. Es ist die Aufgabe aller Beteiligten darauf zu achten, daß die Rechnung bei dem jeweiligen Tauschgeschäft für alle Seiten stimmt.
6. Was bisher geschah
Am 12. 3. 2001 fand in der Gaststätte Lindenhof in Lohmen eine öffentliche Veranstaltung statt, die die BürgerInnen über das geplante Projekt KunstKur informierte und zur Mitarbeit einlud. Es ergaben sich erste Kontakte zu Leuten, die an einer Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes interessiert sind.
Vom 6.-8. 4. fand zum Auftakt der KunstKur ein dreitägiges Symposion mit den eingeladenen KünstlerInnen in Lohmen statt.
Dr. Eva Sturm hielt einen Vortrag im Seminarraum der Rehaklinik mit dem Titel Partizipation Anfänge Einwände trotzdem. Die KünstlerInnen lernten den Ort kennen und stellten sich gleichzeitig in einer Ausstellung im Alten Tanzsaal in Lohmen vor.
Bis zum 15.5. haben alle KünstlerInnen ihre Projektvorschläge eingereicht. Aus diesen habe ich ein Programm für die KunstKur vom Juni 2001 bis September 2002 zusammengestellt.
Bisher wurden die Projekte Camping Akademie von Alfred Banze und Plasteplatz von Thorsten Streichardt realisiert.
7. Künstlerinnen und Künstler
Konzept und Koordination: Carmen Mörsch
Eingeladene KünstlerInnen: Christina Artola, Berlin; Alfred Banze, Köln/Berlin; Ana Bilankov, Berlin; Daily Services (Angelica Chio, Maria Linares), Berlin; Beate Jorek, Berlin; Birgit Kammerlohr, Berlin; Johanna und Helmut Kandl, Wien; Nana Lüth, Berlin; Bill Masuch, Berlin; Kathrin Nölle, Kassel; Hanna Sjöberg, Stockholm/Berlin; Thorsten Streichardt, Berlin; Eva Sturm, Hamburg; Transparadiso (Barbara Holub, Paul Rajakovics), Wien